Von Nilpferden und anderen Menschen

Fotografische Sammlung Berlinische Galerie
Fotografische Sammlung Berlinische Galerie

Seine Kamera hatte er stets dabei: auf der Straße, im Zoo und im Privaten. Friedrich Seidenstücker fotografierte die Hauptstadt – für die BIZ und andere Magazine. Im Alter geriet er in Vergessenheit. Jetzt wird der eigenwillige Künstler neu entdeckt.

Irgendwie will nichts zusammenpassen: Kopulierende Tiere sind zu sehen, die Trümmer der Neuen Reichskanzlei, spielende Kinder am Straßenrand, eine einsame Waldlichtung und nackte Frauen unterm Weihnachtsbaum. Inmitten dieser Bilderflut taucht ein kauziger, älterer Herr auf - das Haar verstrubbelt, die Augen hellwach, wie aus der Welt gefallen. Es ist das Selbstporträt eines Mannes, der gern als Chronist der Weimarer Republik bezeichnet wird, als Trümmerfotograf und Zooliebhaber. Dabei ist Friedrich Seidenstücker vor allem eines: ein Flaneur mit dem Finger am Auslöser, ein Alltagsbeobachter, der auf seinen Spaziergängen durch die Hauptstadt stets die entscheidenden Augenblicke erwartete. Etwa 15 000 Bilder hat er in seinem Leben geschossen. Ein kleiner Teil seines Werks wird ab der kommenden Woche in der Berlinischen Galerie ausgestellt.

 

Eine Ausstellung in einem renommierten Haus, inklusive Prachtband, kunsthistorischen Essays, Gesprächs- und Chansonabenden - solch einen Rummel um seine Person hat Seidenstücker nicht mehr erlebt. Er stirbt 1966 in einem Wilmersdorfer Pflegeheim im Alter von 84 Jahren, als gescheiterter Bildhauer und passabler Bildjournalist. Der Ruhm des Fotokünstlers bleibt ihm zu Lebzeiten verwehrt. Zu wahllos, zu banal, zu unscheinbar erscheint seine Sammlung Ende der 60er-Jahre. Und so wäre mit seinem Tod beinahe auch ein Großteil seines Archivs verlorenen gegangen. Denn dass überhaupt so viele Bilder von Seidenstückererhalten sind, ist einem glücklichen Zufall zu verdanken. 1971 entdeckt ein Sammler den penibel sortierten Nachlass des Fotografen im Fundus eines Berliner Trödlers - in zwei Holzkisten mit Eisenbeschlägen. Für drei Jahre Lagerkosten, "pro anno 500 Mark", rückt der Trödler die Truhen raus, in durchaus lokalpatriotischer Gesinnung: "Weil die Preußen sowieso kein Geld haben und ein Berliner Photograph in Berlin bleiben soll."

 

Wahlberliner, müsste es besser heißen. Seidenstücker kommt 1882 im westfälischen Unna zur Welt, baut sich im Alter von 13 Jahren einen ersten Fotoapparat aus der Linse einer Laterna Magica und knipst "amüsante Witze", wie er schreibt. Zunächst jedoch beginnt er eine Ingenieursausbildung. 1904 dann der Bruch: "Des Zoos wegen" zieht er nach Berlin. Er vernachlässigt sein Maschinenbaustudium, um vor den Gehegen und Käfigen Tiere zu zeichnen. Noch ist die Fotografie ein Hobby und ein willkommenes Hilfsmittel für einen größeren Traum: Seidenstücker will Bildhauer werden und schreibt sich an der Hochschule für die Bildenden Künste ein. Erst 1923 schließt er das Studium ab, unterbrochen durch den Ersten Weltkrieg und seiner Arbeit als "Lufttechniker" im Luftschiffhafen Potsdam. Es dauert weitere acht Jahre, bis er sein Scheitern eingesteht: Seidenstücker tilgt die Berufsbezeichnung "Bildhauer" von seinem Adressstempel. Im reifen Alter von 49 Jahren firmiert er fortan unter "Pressefotograf".

 

Was aber passiert in den gut drei Jahrzehnten zwischen ersten professionellen Engagements und seinem Tod? Und wie verwandelten sich vermeintlich belanglose Schnappschüsse in einen wichtigen Teil Berliner Fotografiegeschichte?

 

"Friedrich Seidenstücker war eine Künstlernatur, ein Individualist. Kein Revolutionär im Sinne der Avantgarde, aber ein unabhängiger Kopf, der sich von nichts vereinnahmen ließ", sagt Ausstellungskurator Ulrich Domröse. Seine ganz eigene Annäherung an die Welt sei es, die Seidenstücker so faszinierend mache. Er habe das wirklich Wichtige des Lebens im Alltag wiederentdeckt, in winzigen Momenten auf der Straße. Was dagegen bei Seidenstücker fehle: das Pathos, die Sensationen, der moralische Zeigefinger. Selbst eine eigene Bildsprache könne man schwerlich erkennen. In einer Zeit, in der die meisten Fotografen die großen Gesten suchen, hält Seidenstückerausgerechnet auf die Hinterteile von Nilpferden. Besser kann man sich nicht zum fotografischen Außenseiter machen.

 

Dennoch: Seine Fotos werden nachgefragt. Der Ullstein-Verlag engagiert ihn als freien Fotografen, seine Bilder erscheinen auch in der Berliner Illustrirten Zeitung oder in illustrierten Magazinen wie dem "Uhu", der "Woche", dem "Querschnitt" der "Vossischen Zeitung" oder der "Dame". Vor allem seine Zooaufnahmen sind beliebt. Aber eben nicht als exotische Unterhaltung, sondern unter vertauschten Vorzeichen:Seidenstücker sucht das Menschliche in Tieren und das Tierische im Menschen. In einer Fotoreportage für den "Uhu" stellt er beide Welten einander gegenüber: der rückenschwimmenden Eisbär und das rückenschwimmende Mädchen, das aufgeplusterte Huhn und die in einen Mantel gehüllte Alte, die Fütterung von Lämmern und das Verteilen von Kirschen unter Kleinkindern. Es handele sich dabei nicht um gestellte, inszenierte Bilder, betont Seidenstücker in einem Begleittext. Die Ähnlichkeit sei zufällig und sein Privatarchiv mittlerweile so umfangreich, dass es nicht schwer falle, solche "merkwürdigen Parallelen" herzustellen. Am Ende seiner Karriere besteht etwa die Hälfte seiner Aufnahmen aus Tierfotografien, unter zoologischen Kriterien katalogisiert, mit Hinweisen zum Paarungsverhalten - festgehalten in einem "Hochzeitskalender der Tiere". Noch im hohen Alter schreibt Seidenstücker: "Meine Haupttätigkeit in den letzten Tagen war trotz Hitze, jeden Morgen erst in den Zoo zu den neuen Nashörnern zu gehen." Für ihn ist die Zoofotografie sein Hauptwerk.

 

Ausgangspunkt für die Streifzüge durch die Straßen Berlins ist seine Wohnung am Kaiserplatz, dem späteren Bundesplatz in Wilmersdorf. Hier lebt er bis zu seinem Tod in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung im obersten Stockwerk des Hinterhauses. "Das halbe Zimmer diente als Kühlschrank, Speisekammer und Kohlenlager, die Küche außerdem als Fotolabor und Modelierwerkstatt, denn oftmals arbeitete er noch an Tierplastiken", erinnert sich Gisela Abraham, eine Weggefährtin. Die Verhältnisse sind bescheiden und bürgerlich, von Bohème keine Spur. Zwar kann Seidenstücker zeitweise gut von den Honoraren leben, zugleich bleibt er auf die Unterstützung seiner Familie angewiesen. Die wird ab Ende der 30er-Jahre immer dringender. Die Nazis verdrängen das Authentische und Liebenswerte von der Straße, Seidenstücker gehen die Motive aus. Er igelt sich in seiner Wohnung ein - und macht Aktaufnahmen. Es sind voyeuristische, sinnliche Bilder, die der mittlerweile 60 Jahre alte ledige Herr von jungen Frauen erstellt. Intimität entsteht wohl auch deshalb, weil seine Modelle den Fotografen für harmlos und hochanständig halten. "Vorwiegend suchte er Kontakt zu 'gutgebauten' jungen Frauen; er hatte seine ästhetische Freude an schlanken Mädchenbeinen", schreibt Loni Hagelberg, die ihm lange Modell stand. Dennoch: "Nicht er, sondern die Damen führten Regie", sagt Kurator Domröse. Wie auf der Straße musste Seidenstücker nur zum richtigen Zeitpunkt den Auslöser drücken.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzt Seidenstücker seine Spaziergänge fort. Sie führen ihn durch ein zerstörtes Berlin, das jede Unbeschwertheit verloren hat. Dennoch findet er die Augenblicke, auf die er so lange verzichten musste. Zwischen den Ruinen erwacht das Leben aufs Neue, die Zerstörungen fotografiert er nur beiläufig, als Kulisse. In den Fokus rückt der neue Alltag, das einsetzende Wirtschaftswunder mit all seinen Seltsamkeiten, die ihm auf den Straßen begegnen. "Er war ein fotografierender Literat und hat das Fotobild als seine ganz eigene Sprache genutzt", sagt Floris M. Neusüss, der Seidenstücker in den 60er-Jahren kennenlernte und zu dessen 80. Geburtstag eine erste Ausstellung in Wilmersdorf kuratierte. Seine "charmante Art der Nicht-Inszenierung" unterscheide ihn von den vielen anderen Fotojournalisten seiner Zeit - und gerade das mache seine Sammlung einzigartig.

 

"Ich war immer Momentknipser. Nie legte ich Wert darauf, daß man mich als Fotografen erkannte. Mir war es immer wichtig, heimlich und unbekannt Aufnahmen zu schießen. Humoristische Aufnahmen liebte ich immer sehr, bei Menschen und Tieren", so schreibt es Friedrich Seidenstücker 1963 in einer autobiografischen Notiz. Vielleicht ist es dieser Anspruch, der die Vielfalt seines Werks zwischen Tieren und Trümmern, Alltag und Aktaufnahmen zusammenhält.

 

Friedrich Seidenstücker. Fotografien 1925 - 1958. 1. Oktober bis 6. Februar. Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128, Mi. bis Mo., 10 bis 18 Uhr.

 

Erschienen am 25. September 2011 in der Berliner Illustrirten Zeitung

 

Immer auf dem Sprung
Seite 3 der Berliner Illustrirten Zeitung vom 25. September 2011
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