Kaffeefahrt ins Krematorium

888 Euro kostet die Einäscherung der Berliner Firma "Sarg-Discount" in einem tschechischen Krematorium. Der Schnäppchepreis wirft Fragen auf, und die will der Berliner Bestatter Hartmut Woite auf kostenlosen Ausflügen beantworten. Höhepunkt der Kaffeefahrt: eine "Nachthimmelbestattung", bei der die Asche eines Verstorbenen mit einer Rakete in die Luft geschossen wird. Eine Reportage.

Dieser Text wurde mit dem Axel Springer Preis für junge Journalisten 2012 in der Kategorie Print/Lokale Beiträge ausgezeichnet.

Die Asche ihres Sohnes steckt in einer Rakete. Seine Überreste werden gleich in den tschechischen Nachthimmel geschossen. Helga Grohmann-Riemer wiegt sich im Takt einer Panflöten-Version der Bierzelthymne „Ein Stern“. Bunte Rauchschwaden steigen empor, Feuerfontänen sprühen. Die alte Dame hört ein Zischen. Die Rakete hebt ab, fünf oder sechs Meter. Dann taumelt das Geschoss und kracht auf den Asphalt. Die Asche ihres Sohnes weht über die Landstraße und nebelt die Trauertruppe ein.

 

Es ist das missglückte Finale einer Kaffeefahrt ins Krematorium. Der Berliner Bestatter Hartmut Woite will mit der Bustour ins tschechische Vysocany potentielle Kunden gewinnen. Die „Nachthimmelbestattung“ – so nennt Woite den Raketenabschuss samt Feuerwerk – ist der Höhepunkt des Tagesausflugs. „Schreiben Sie ruhig Kaffeefahrt, aber schreiben Sie auch, dass wir hier niemandem was aufdrängen“, sagt der Mann, der ein bisschen so aussieht wie Armin Mueller-Stahl und dessen Firma „Sarg-Discount“ heißt. 888 Euro kostet bei ihm die Einäscherung – all inclusive, versteht sich.

 

Der Schnäppchenpreis wirft Fragen auf, und die versucht Woite durch kostenlose Krematoriumsführungen zu beantworten. Rund 40 Teilnehmer stehen am frühen Morgen an der Hermannstraße in Neukölln. Es sind ältere Herrschaften aus Berlin und dem Umland. Einige sind zum zweiten Mal an Bord: Sie haben Angehörige in Vysocany bestatten lassen und wollen das Grab besuchen. Andere hoffen auf einen interessanten Tagesausflug. Helga Grohmann-Riemer wiederum will in Tschechien von ihrem Sohn Abschied nehmen. Auch ein Fernsehteam ist dabei, mit Kamerafrau, Tonmann und Praktikant. Dazu kommen zwei Studentinnen, die Fotos für die Uni machen wollen.

 

Woite ist das Medieninteresse gewohnt – spätestens seitdem er seiner gesamten Branche in der Talkshow „Schreinemakers“ Bestechlichkeit vorgeworfen hat. Die Innung hat ihn daraufhin rausgeworfen, er ist der Außenseiter, der Aldi-Bestatter. Doch das stört die Ausflügler kaum. Der Preis stimmt, und jetzt wollen sie sehen, wie das denn ganz genau funktioniert mit der Einäscherung, den Urnen und den Raketen. „Wir werden heute einiges unternehmen“, begrüßt Woite seine Gäste über das Bordmikrofon. Der 69 Jahre alte Bestatter kommt rasch zu heiklen Themen: „1934 hat Hitler das deutsche Bestattungsgesetz und den Friedhofszwang eingeführt – um den Kommunen Geld zuzuführen und die Angehörigen abzuzocken“, sagt er. Die Einäscherung in Tschechien dagegen sei eine hochwertige Serviceleistung, „nicht billig, sondern preiswert, und alles andere als Ramsch“.

 

Seine Särge kauft er im großen Stil in der Ukraine, genau wie die Leichenhemden aus Leinen. „Aber sogar in der Ukraine wird's immer teurer“, sagt er. Gemächlich zuckelt der Bus über das Erzgebirge. Die Stimmung ist prächtig, man scherzt. Es gibt Kaffee aus Plastikbechern, die Bustoilette darf nicht benutzt werden.

 

Fünf Stunden später stoppt die Truppe auf halber Strecke zwischen Chemnitz und Prag in Vysocany an einem ehemaligen Kloster mit spätbarocker Kirche. Daneben liegt das eingeschossige Haus, in dem die Toten verbrannt werden. „Das Essen ist schon ausgesucht, es gibt ein hervorragendes dunkles Bier“, sagt Woite in das Mikrofon und zeigt auf die Gaststätte, die zum Krematoriumsgelände gehört.

 

Neben dem Bus parken ein Leichenwagen und ein schwarzer Bulli. Sie gehören zu Woites Tross. Auch heute hat er vier Leichname zur Einäscherung mitgebracht. In einer Kapelle werden Särge und Urnen vor Blumenkränzen aufgebahrt. Woites Bruder Norbert hält die Trauerrede, die Berliner Touristen und eine kleine Trauergemeinde hören andächtig zu, dann gibt's Gulasch oder Schweinebraten mit Knödeln.

 

Beim Essen wird über den Preis des Sterbens geredet. „Mehrere tausend Euro für mich und meine Frau – das ist doch Wahnsinn“, sagt Klaus Bieber aus Zossen, der auf teure Friedhofsgebühren in Deutschland verzichten und in Tschechien bestattet werden will. Angehörige in Berlin und Brandenburg hat er keine, um ein klassisches Grab könne sich sowieso keiner kümmern. Deshalb die Discount-Variante.

 

Der pensionierte S-Bahn-Fahrlehrer ist dem Tod in seinen 38 Jahren auf Berliner Gleisen oft genug begegnet. Drei Personen haben sich ihm vor die Bahn geworfen, einen S-Bahn-Surfer hat er „am Pfeiler abgestreift“. Da gewinne man eine gewisse Normalität im Umgang mit dem Tod. Den Vorvertrag bei Woite hat er bereits abgeschlossen. Bieber hat sich für die billigste Bestattung entschieden. „Einmal fahr' ich hier noch hin, aber das krieg' ich dann nicht mehr mit“, sagt der 63-Jährige. Ihm gefällt der Trip: Das Essen sei lecker, die Natur wunderschön und die Führung hochinteressant. Nur dieser Krematoriumstourismus, der sei ja für die Trauernden „nicht so schön“.

 

Helga Grohmann-Riemer aus Cottbus ist eine dieser Trauernden. Für die 81 Jahre alte Dame ist es nicht der erste Besuch in Vysocany. Schon ihren Ehemann hat sie in Tschechien beisetzen lassen, regelmäßig besucht sie sein Urnengrab. Heute verabschiedet sie sich von ihrem Sohn Norbert, der im Alter von 59 Jahren nach langer Krankheit gestorben ist.

 

Er wollte als Kind Pilot werden, aus diesem Grund hat sie sich für die Nachthimmelbestattung entschieden. „Das mit der Rakete hätte ihm sicher gut gefallen“, sagt Helga Grohmann-Riemer. 1600 Euro bezahlt sie Woite dafür. Auch sie selbst will sich mit einem Knall verabschieden, wenn es soweit ist. Das hat sie alles schon geregelt. „Das gönnste dir”, sagt Helga Grohmann-Riemer.

 

Zwei Pyrotechniker aus Prag machen alles bereit für das Spektakel auf einem Acker vor dem Krematorium. Etwa zwei Meter hoch ist das Geschoss. In den Kopf der Rakete wird die Asche gefüllt, vermengt mit Rosenblüten. 300 Meter soll die Rakete aufsteigen und dann in einer Feuerwerksblume explodieren, während sich die Aschewolke in alle Himmelsrichtungen verteilt. „Die Rakete wird speziell für uns gefertigt. Eine Nachthimmelbestattung ist für uns alle ein ergreifendes Ereignis”, sagt Bestatter Woite.

 

„Ein Stern, der Deinen Namen trägt“, singt Helga Grohmann-Riemer jetzt. „Das passt doch gut zum Feuerwerk. Vielleicht ein bisschen sehr romantisch. Aber besser romantisch, als verzweifelt.“ Die alte Dame hält den Schamottstein in ihren Händen. Es ist ein dünner Metallstreifen mit einer eingravierten Nummer. Er wurde bei der Einäscherung ihres Sohnes dem Leichnam beigelegt, um später eine Zuordnung der Asche zu ermöglichen. „Da kann ich mir sicher sein, dass das auch mein Norbert ist. Ein ganz besonderes Souvenir.” Sie hat nichts gegen die anderen Berliner Ausflügler, die sie bei der Verabschiedung von ihrem Sohn begleiten. Im Gegenteil: Sie ist dankbar für die Anteilnahme.

 

Nach dem Essen bittet Woite zu den Leichenöfen. Bei 906 Grad Celsius verbrennen die Särge samt Körper, die Ausflugsgäste drängen sich vor die Edelstahlkästen. Ein Hebel muss heruntergedrückt werden, dann öffnet sich eine kleine Luke mit Sicht auf die Flammen. Erst zögerlich, dann immer unbefangener beobachten die Touristen, wie das Skelett verbrennt. Deutlich sind Schädel und Rippen zu sehen. Es wird fotografiert und gefilmt. Maria Hogg aus Lichtenberg blickt in die Glut. „Wie weit ist es denn schon? Ah, der Beckenknochen“, sagt sie.

 

Zwei tschechische Krematoriumsangestellte in Arbeitskluft betrachten den Trubel in der gefliesten Ofenhalle und paffen ihre Pall Malls. Von der Wand lächelt ein barbusiges Kalendergirl, im Radio röchelt Serge Gainsbourg „Je t'aime“. Dann flüchtet die Lichtenbergerin mit ihrer Freundin aus dem Krematorium. „Das ist doch ein sehr intimer Moment, der letzte Abschied, da möchte man kein Gaffer sein“, sagt sie.

 

Im Hintergrund stellt sich Hartmut Woite den Fragen seiner Kunden. „Werden die Särge mit eingeäschert?”, fragt eine alte Dame. „Ist man alleine im Ofen oder mit mehreren zusammen?”, eine andere. In verbindlichem Ton erklärt der Bestatter den Ablauf der Verbrennung. „Mein Berufsstand ist eine Geldmaschine, die den Tod zum Tabuthema macht”, sagt er. „Da wird ganz bewusst eine Mauer aufgebaut, alles verliert sich im Nebulösen.”

 

Ihm hingegen gehe es um Transparenz und Informationen: Jeder soll sich ein Bild machen von seinem Geschäft. Makaber sei das Leichen-Sightseeing nicht, am heimischen Fernsehbildschirm werde man mit weitaus geschmackloseren Dingen konfrontiert. Und schließlich sei niemand gezwungen, durch die Luke zu schauen.

 

Nach Sonnenuntergang, nachdem die Rakete mit der Asche abgeschmiert ist und der Nebel sich wieder lichtet, hüllt sich der tschechische Trauertrupp in betroffenes Schweigen. Das Kamerateam rennt eilig zur Absturzstelle, um ein paar Nahaufnahmen zu machen. Hartmut Woite findet als erster wieder zur Sprache. „Die Kälte. Eine Düse hat wohl nicht gezündet“, erklärt er. Dann durchbricht ein leises Lachen die Stille. Es kommt von Helga Grohmann-Riemer. „Mein Sohn wollte noch nicht fort, er wollte noch bei Muttern bleiben.“

 

 

Erschienen am 20. November 2011 in der Berliner Morgenpost