Wo der Hammer hängt

Während Sprinter und Springer als elegante Stars unter denLeichtathleten gelten, kursieren über Hammerwerfer fiese Vorurteile.Höchste Zeit, die Wahrheit über diese anspruchsvolle Disziplin zu erfahren.

Foto: Massimo Rodari
Foto: Massimo Rodari

Hammerwerfen ist wie Walzertanzen. Diesen Satz hören die Zöglinge von Bernd Mädler häufiger. So häufig, dass sie sich ein bisschen darüber lustig machen. Doch letztlich geben sie dem Trainer Recht: Es geht um Eleganz und Leichtigkeit, um Disziplin und Timing.

 

Aber natürlich auch um Kraft: "Obenrum locker machen, untenrum powern. Und dann 'ne Bombe raushauen", sagt Charlene Woitha. Die 18 Jahre alte Abiturientin hat gerade noch im Ring posiert, im Kleinen Schwarzen und Stilettos, und dabei ihr Wurfgerät gehalten wie ein Handtäschchen. Jetzt trägt sie Jogginghose und T-Shirt, hockt in der Lilli-Hennoch-Halle, dem Wurfzentrum im Sportforum Hohenschönhausen und genießt die Aufmerksamkeit, die sie und ihre Trainingspartner Mariel Rose und Steven Gürth in diesen Tagen erfahren.

 

Denn gerade wurden die inoffiziellen Berliner Werferwochen eingeläutet. Der Diskuswerfer Robert Harting, Vorzeigeathlet des SC Charlottenburg, hat am Dienstag im koreanischen Daegu seinen Weltmeistertitel verteidigt. Am heutigen Sonntag soll die nächste Goldmedaille folgen: Dann will Hammerwerferin Betty Heidler aus Marzahn ganz oben auf dem Treppchen stehen. Und am kommenden Sonntag startet das Internationale Stadionfest (Istaf) im Olympiastadion. Dort gibt es eine Premiere: Zum ersten Mal in der 70-jährigen Geschichte des Leichtathletiktreffens findet der Hammerwurf-Wettkampf der Frauen im Stadion vor rund 50 000 Zuschauern statt - und nicht wie sonst auf einem verwaisten Nebenplatz. An Interesse für den Wurfsport mangelt es in diesen Tagen nicht.

 

Dabei haben sich Charlene, Mariel und Steven eigentlich abgefunden mit der freundlichen Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Disziplin. Alle drei sind Berliner Nachwuchsathleten und dürfen sich berechtigte Hoffnungen machen, demnächst bei internationalen Wettkämpfen anzutreten, vielleicht sogar an Olympischen Spielen teilzunehmen. Bis es soweit ist, konkurrieren sie bei Deutschen Meisterschaften oder Landeswettbewerben. Meist allerdings unter tristen Vorzeichen. Während Sprinter und Springer im Rampenlicht stehen, bleiben Hammerwerfer meist unter sich - abseits der Stadien, vor kleinem Publikum auf Übungsanlagen: "Weil die Organisatoren Angst um ihren teuren Rasen haben", sagt die 20 Jahre alte Mariel aus Reinickendorf. Ein leichter Hass habe sich da schon angestaut, auf die Fußballer mit ihren Millionengagen und Privilegien, den Schlagzeilen und Sondersendungen.

 

Dass die drei dennoch den Hammer kreisen lassen, liegt wohl auch an den Verführungskünsten von Trainern wie Bernd Mädler. Der 67-Jährige war früher im Nationalkader der DDR, seit über 40 Jahren sorgt er für Nachwuchs im Schutzkäfig. Er hat das Auge für unerschlossene Talente und bezirzt junge Athleten so lange, bis sie zur Kugel am Drahtseil greifen. So wie Steven. In der siebten Klasse wollte der Schüler aus Alt-Hohenschönhausen eigentlich mit dem Gewichtheben anfangen. "Zu gefährlich", sagten seine Eltern. "Du bist es", sagte Bernd Mädler und holte Steven zum Probetraining in den Sportclub Berlin. Dort blieb er fünf Jahre und feilte an den komplexen Bewegungsabläufen. "Natürlich war es ein Vorteil, dass ich schon als Jugendlicher etwas kräftiger gebaut war", sagt der 25 Jahre alte Steven heute. Bei Charlene und Mariel liegt die Leichtathletik-Lust in der Familie. Charlenes Vater war DDR-Meister im Hürdenlaufen, Mariels Bruder läuft Mittelstrecke. Sie probierten sich durch die Disziplinen - mit mäßigem Erfolg. Beim Hammerwerfen blieben die beiden schließlich hängen.

 

"Das ist wie eine Sucht", sagt Steven.

"Das ist Liebe", sagt Charlene.

"Wir machen das nicht für Geld", sagt Mariel.

 

Aber was ist mit diesen ganzen Vorurteilen? Den Klischees von wuchtigen Ostblock-Matronen, die in den 80er-Jahren die Leichtathletiktreffen dieser Welt bevölkerten? Und offenbar schon in ihrer Kindheit ein bisschen zu viele Hormonpillen unter ihre Frühstücksflocken gemischt hatten? Die ihrem Hammer martialische Kraftschreie hinterher grölten und vor lauter Muskeln kaum noch laufen konnten? Charlene und Mariel lachen. Natürlich kennen sie das. Sie machen selbst Witze darüber. Aber der Sport habe sich gewandelt: Reine Kraftmaschinen könnten kaum mithalten in der Weltspitze. Es gehe um Technik, um Eleganz und, ganz selbstverständlich, auch um Attraktivität. "Wir Deutschen sind doch mit Betty Heidler das beste Beispiel, dass Hammerwurf auch schön aussehen kann. Da werfen nicht nur Tonnen", sagt Charlene.

 

Ein gewisser Spott kommt natürlich trotzdem. Immer dann, wenn sie in der Außenwelt unterwegs sind. Das breite Kreuz, die Muskeln sind kaum zu verbergen. Ihre Trainingsklamotten sind Schuluniform und Arbeitskleidung in einem. "Ich bin nun mal Sportlerin, ich steh' dazu", sagt Mariel. Natürlich sei sie dezent geschminkt, auch beim Wettkampf. Den Minirock lässt sie gern im Schrank. Charlene meidet nur die hohen Schuhe. "Wegen der Verletzungsgefahr." Ansonsten sei sie ein ganz normales Mädchen: "Jeden Morgen eine halbe Stunde vor dem Spiegel, das volle Programm", sagt sie.

 

Sie könnten auch komplett darauf verzichten. Hier im Sportforum Hohenschönhausen leben sie in einer abgeschirmten Blase. Schule, Training und Wettkämpfe geben den Takt vor. Zwischen dem Volkspark Prenzlauer Berg und Fennpfuhl erstrecken sich Rasenplätze und Turnhallen, Schwimmbecken und Strömungskanäle, Weitsprunganlagen und Werferplätze, Tartanbahnen und Eisflächen. Es ist Europas größtes Sportzentrum mit 700 Bundeskaderathleten, auch der Berliner Olympiastützpunkt liegt hier. Dazu kommen die "Eliteschule des Sports", das "Haus der Athleten" mit 200 Internatsplätzen und das Institut für Sportwissenschaften der Humboldt-Universität. Franzi van Almsick und Claudia Pechstein haben hier trainiert, Britta Steffen oder Robert Harting tun es noch heute, und auch Hammerwerferin Betty Heidler hat hier drei Jahre das Fundament für ihre Karriere gelegt, bevor sie nach Frankfurt wechselte.

 

"Das hier sind einmalige Bedingungen", sagt Trainer Bernd Mädler. Vor allem für die Nachwuchsarbeit. Im Alter von 15 Jahren werden Schüler ans Hammerwerfen herangeführt, zunächst mit Drehübungen, Gymnastik und Sprinten, später mit Wurfeinheiten und Muskelaufbau. Ganz langsam, um die jungen Körper nicht zu überlasten. Schließlich gehört der Hammerwurf neben dem Stabhochsprung zu den anspruchsvollsten Leichtathletik-Disziplinen. "Man braucht unendlich viel Geduld. Die Grundlagen werden in der Jugend gelegt. Internationales Niveau erreichen die meisten Athleten aber oft erst ab 30 - für viele das ideale Wurfalter", sagt Mädler. Weil man erst dann den Bewegungsablauf verinnerlicht hat. Die drei bis vier Drehungen automatisch abspult. Mit den Fliehkräften umgehen kann und das Gleichgewicht hält. Die Schulter beim Abwurf nach oben reißt, um die Kugel in die richtige Flugbahn zu katapultieren. "Und weil man dann frei ist im Kopf ", sagt Steven.

 

Genau das ist auch für Mariel und Charlene die große Herausforderung. Bei einem Wettkampf die Leistung abrufen, die man sich über all die Monate antrainiert hat, das sei das Entscheidende. "Man steht ganz für sich allein im Ring", sagt Charlene. "Man will sich selbst nicht enttäuschen, man will es sich selbst beweisen", sagt Mariel. Wenn dann aber alles stimmt, die Rotation, der Schwung, der Winkel, und der Hammer hinter der Bestmarke aufschlägt, hat sich die Arbeit gelohnt. "Das ist pure Euphorie. Dann löst sich jede Anspannung, dann muss man dem Ding einfach hinterher schreien", sagt Charlene.

 

Überhaupt: diese Sache mit der Psyche. "Der Wille zum Erfolg muss in den Kopf rein. Das kann man nicht erzwingen. Wenn man was erreichen will, muss man sich zusammenreißen", sagt Trainer Mädler. Das sei heute schwerer denn je mit all diesen Ablenkungen. Eine davon steht gleich in der Nachbarschaft. Auf dem Weg zur Werferhalle läuft man die Kindl-Brauerei entlang. Dort türmen sich die Bierkisten, über den Sportstätten hängt schwerer Malzduft. "Alkohol spielt überhaupt keine Rolle", sagt Mädler. Mit dem Rauchen, da gebe es ab und an Probleme. Ansonsten habe er seine Tricks aus 40 Jahren Trainerleben. Die Mentalitäten seien schließlich immer die gleichen.

 

Bei den drei Nachwuchs-Hammerwerfern muss er sich wohl ohnehin keine Sorgen machen. "Mein ganzes Umfeld ist auf Leistungssport ausgerichtet", sagt Charlene. Bis 2013 ist sie noch auf dem Sportgymnasium, danach will sie sich vielleicht zur Werbekauffrau ausbilden lassen. Den üblichen Weg zur Bundespolizei, wo in Sportfördergruppen gezielt an der Karriere gearbeitet wird, will sie nicht wählen. Auch Mariel verlässt sich nicht allein aufs Hammerwerfen: Gerade hat sie Abitur an der Poelchau-Oberschule in Charlottenburg gemacht, ab Oktober studiert sie an der Humboldt-Universität Grundschulpädagogik und Sport. Für Trainer Mädler genau richtig. Einer seiner Lieblingssprüche lautet: "Mit Hammerwerfen kannste kein Geld verdienen."

 

Charlenes Bestleistung liegt bei 50,41 Meter, Mariel kommt auf 54,22 Meter.

Weltrekordhalterin Betty Heidler ist dagegen kurz davor, die 80-Meter-Marke zu knacken. Für London 2012 ist es schon zu spät. In Rio könnte es klappen. Dort finden 2016 die übernächsten Olympischen Sommerspiele statt. Vielleicht haben Steven, Charlene und Mariel bis dahin ihren Walzer perfektioniert.

 

Erschienen am 4. September 2011 in der Berliner Illustrirten Zeitung, der Sonntagsbeilage der Berliner Morgenpost

Wo der Hammer hängt
Seite 3 der Berliner Illustrirten Zeitung vom 4. September 2011
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