Ein Prediger und seine Prügelknaben

Foto:  Thomas Fähnrich, www.t-f-foto.com
Foto: Thomas Fähnrich, www.t-f-foto.com

„Rechts, links, rechts, links“, brüllt Mecit seine Stakkato-Kommandos. Die Schüler parieren, dreschen wie von Sinnen auf die Sandsäcke ein, bis ihre Muskeln schlappmachen. Mecits Deal ist eine Zumutung: Schweiß und Schmerzen statt Schnaps und Spritzen. Wer sich an seine eisernen Regeln hält, ist dabei in Kölns ungewöhnlichster Boxbude.


Ein schmaler Gang, kaum 70 Zentimeter breit, davor eine massive Eisentür. Das ist der Eingang zu Mecit Besirgolus Reich. An den Wänden die üblichen Verdächtigen: Ali, Rocky, Schmeling. Noch vor drei Jahren war der alte Bahnbogen am S-Bahnhof Hansaring Tummelplatz für Junkies und Penner. Dann kam der dreimalige Ankara-Meister und räumte auf. Er steckte 40.000 Euro in die zwielichtige Kaschemme und baute eigenhändig sein Allerheiligstes, den Ring. Heute trainieren hier 80 Kids und junge Erwachsene aus aller Welt: türkische Hauptschüler, italienische Azubis, deutsche Studenten.

 

Springseile peitschen auf den Mattenboden, Fäuste klatschen gegen den Punchingball. Dazu dröhnt HipHop durch das Rundgewölbe. Im Minutentakt donnern Güterzüge über die Köpfe der Teilzeit-Tysons hinweg. Ein ohrenbetäubender Lärm. „Pause!“, ruft der Chef und gibt seinen Zöglingen Gelegenheit, zehn Minute zu verschnaufen. Die Jungs lassen die hochroten Köpfe hängen und stürzen sich auf ihr Wasser.

 

„Klar hab’ ich mich schon geprügelt!“ Baris ist zwölf Jahre alt, wiegt 48 Kilo, ein echtes Fliegengewicht. Noch. Seit vier Monaten ist er dabei, feilt an Jab und Cross, stemmt Medizinbälle und tänzelt über die Matten. Seinem türkischen Wohlstandsbäuchlein hat das bislang nicht geschadet, eine große Klappe hat er dennoch. „Die Klitschkos können nix. Rocky ist geil!“ Hinter vorgehaltener Hand grinst der kleine Halbstarke: „Wenn mich das nächste Mal einer auf der Straße abziehen will, gibt’s Stress. Bamm-bamm!“

 

Trainer Dietmar kennt seine Jungs, kann über ihre Sprüche nur lachen. „Verwöhnte Großmäuler und Hurenböcke haben keine Chance. Hier müssen sie sich beweisen. Im Ring kommt’s drauf an. Und wer austrainiert ist, der schlägt sich nicht auf der Straße.“ Der Hufschmied und sechsfache Vater ist von Anfang an mit dabei, die rechte Hand von Mecit. Ein vorbildliches Integrationsprojekt? Gelebtes Multikulti? Deutsch-türkisches Tralala? „Alles Quatsch“, wiegelt der 41-Jährige ab. „Über Politik und Religion wird nicht geredet. Hier geht’s nur ums Boxen.“ Der Rest entsteht automatisch.

 

Jetzt kommt auch Mecit dazu. Er streift seine Trainerpratzen ab, in die eben noch die Schläge seiner Schüler geprasselt sind. Der 65 Jahre alte Ex-Profi ist gezeichnet: rote Boxerknolle, vernarbte Augenbrauen, riesige Pranken. Vor dreißig Jahren kam er nach Deutschland und brachte den türkischen Volkssport gleich mit. Und wenn es um seine Leidenschaft geht, ist der Ring seine Kanzel: „Alkohol, Drogen, Gewalt und Computer: Die Jugend ist abhängig und krank. Boxen kann sie retten.“ Mecit gibt jedem eine Chance – egal ob Schläger, Kiffer oder Klein-Mafioso. Einzige Bedingung: knallharte Disziplin. Wer sich nicht dran hält, fliegt.


Plötzlich hageln die Fäuste wieder auf die Sandsäcke. Die Pause ist vorbei. Schweißtropfen fliegen, der Boden vibriert. „Komm, komm, komm!“, brüllt der Prediger und ist sich sicher, dass seine Prügelknaben zumindest heute keinen Mist mehr bauen.

 

Erschienen in der Kölner Ausgabe der Welt Kompakt am 14. Dezember 2010

Ein Prediger und seine Prügelknaben
Seite 16 der Kölner Ausgabe der WELT KOMPAKT vom 14. Dezember 2010
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