Die Gefahr wächst

Der giftige Riesenbärenklau wird in weiten Teilen Deutschlands zum Problem. Das Gewächs sollte einst neue Futterpflanze der DDR werden. Heute verdrängt es die heimische Flora nicht nur in Brandenburg. 

 

Alle Appelle sind verpufft. Dabei hat Wolfgang Funke die höchsten Stellen alarmiert und eindringlich vor den Invasoren gewarnt. Der Bürgermeister des Gemeindeverbands Steinhöfel in Brandenburg fühlt sich bedroht - von drei bis fünf Meter hohen Gewächsen, die allmählich sein Dörfchen in Besitz nehmen. In Heinersdorf wuchert der Riesenbärenklau, doch im Kampf gegen die Pflanzenepidemie fühlt sich das Dorf im Stich gelassen. "Man muss die Gemeinde unterstützen. Die Verbreitung ist explosionsartig. Wenn wir nichts dagegen tun, wird sich die Landschaft hier gewaltig verändern", sagt Bürgermeister Funke.

 

Seine Sorgen sind nicht unbegründet. Der Riesenbärenklau, der auch als Herkulesstaude oder Russenkraut bekannt ist, wächst seit Jahren von den Alpen bis zur Küste - und verbreitet sich rasant. Eine Pflanze kann bis zu 50 000 Samen verbreiten, die durch den Wind an die 100 Meter fortgetragen werden. Die heimische Flora hat dem aus dem Kaukasus stammenden Doldengewächs kaum etwas entgegenzusetzen. Mit einer weiteren Ausbreitung der Art sei zu rechnen, schreibt das Bundesamt für Naturschutz. Will man die Riesenstaude ausrotten, muss man das Übel an der Wurzel packen. Selbst das hilft nur bedingt, denn die Samen bleiben bis zu sieben Jahre keimfähig. Und damit nicht genug: Der Saft des Bärenklaus ist giftig.

 

Bürgermeister Funke erzählt die Geschichte eines Jungen aus Heinersdorf, der sich aus dem Pflanzenstängel ein Blasrohr bastelte - und nach kurzer Zeit mit schweren Gesichtsverbrennungen im Krankenhaus landete. Das Tückische: Der Bärenklau enthält das fototoxische Gift Cumarin. Wer mit dem Pflanzensaft in Berührung kommt und anschließend Sonnenstrahlung ausgesetzt ist, kann Verbrennungen zweiten oder dritten Grades erleiden. Ärzte empfehlen, den Pflanzensaft nach Kontakt abzuspülen und die Haut 48 Stunden vor Sonne zu schützen. Ist es bereits zu Verätzungen gekommen, hilft Sonnencreme, in schweren Fällen Kortisonsalbe.

 

Die Bärenklau-Invasion ist ein altbekanntes Problem. In Tschechien wurde Ende der 90er-Jahre Militär gegen den aggressiven Eindringling eingesetzt, norwegische und dänische Behörden sperrten ganze Täler ab. In Deutschland hält man sich zurück: Die Landwirtschaft habe mit dem Bärenklau meist keine Probleme, Herbizide und tiefes Umpflügen könnten seine Verbreitung eindämmen, sagt Marianne Klug von der nordrhein-westfälischen Landwirtschaftskammer. Auch im Bundesinstitut für Risikobewertung weiß man um die Gefahren, Vergiftungsmeldungen aus den Bundesländern lägen allerdings nicht vor, sagt eine Sprecherin.

 

In Sachsen, einem der Hauptausbreitungsgebiete, sorgten großflächige Bekämpfungsmaßnahmen des Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie für erste Erfolge. Die chemische Keule dezimierte die Bestände - allerdings ohne dabei auch die im Boden eingelagerten Samen zu vernichten.

 

Im brandenburgischen Heinersdorf sprießt die Staude seit der Wende, vor allem auf Brachflächen. Es handelt sich gewissermaßen um eine Altlast der SED-Diktatur: Hier wurde in den 60er-Jahren der Bärenklau im Auftrag des DDR-Landwirtschaftsministeriums als Futterpflanze getestet. "Man hatte gehofft, eine neue Wunderpflanze zu finden", sagt Heinz Zimmermann, der damals das Experiment für die Berliner Humboldt-Universität leitete. "Die Tests haben gezeigt, dass man sie schlecht anbauen und schlecht ernten kann. Außerdem ist der Anteil an Trockenmasse für eine Futterpflanze zu gering", sagt der 90 Jahre alte Heinersdorfer. Der Versuch wurde abgebrochen, die Äcker wurden umgepflügt, die Samen jedoch verblieben im Boden - und hielten die Bestände am Leben.

 

Deshalb sieht Bürgermeister Funke das Land Brandenburg in der Pflicht. "Wir können nicht für eine Sache geradestehen, die das DDR-Landwirtschaftsministerium veranlasst hat", sagt er. Bislang gab es Unterstützung vom Jobcenter des Landkreises. Über Jahre hinweg schickte das Amt Ein-Euro-Jobber zum Kahlschlagen nach Heinersdorf. Mit Motorsensen und Ganzkörperschutz rückten die Trupps dem kaukasischen Ungetüm zu Leibe. Im Frühling endete die Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Weil das Problem einen dauerhaften Charakter habe, sagt Jobcenter-Leiter Rolf Lindemann, und damit zu einer kommunalen Pflichtaufgabe gehöre.

 

Erschienen am 12. August 2011 in der WELT

Die Gefahr wächst
Seite 24 der WELT vom 12. August
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